Plötzlich fing der Wirbelwind an zu ächzen und zu stöhnen und lachte ein tiefes, gehässiges Lachen. Bei jedem Lacher wurde Kai hin- und hergeschüttelt. Mit einer Stimme, die so tief war wie der tiefste Meeresgrund, fing der Wirbelwind an zu sprechen:
"Rundherum, wer rundum dumm,
sause, brause, ohne Pause.
Unten, oben, aufgehoben,
alte Träume sind zerstoben.
Hinein, hinaus, sonst ist es aus,
der Weg hinaus, er führt hinein,
was kann des Rätsels Lösung sein?"
Der Wirbelsturm lachte sein tiefes, hämisches, gemeines Lachen, das mit einem lauten Echo von allen Seiten des Trichters zurückgeworfen wurde.
Plötzlich musste der Wirbelsturm husten. Der Trichter zog sich ganz eng um Kai zusammen. Einen Moment lang schien alles um ihn herum vollkommen still zu stehen. Dann spuckte der Wirbelwind Kai im hohen Bogen aus.
Die rosa Wolke
Er wollte gerade Angst bekommen, als er mit einem Plumps auf eine schöne, runde Wolke fiel, die in der Morgensonne rosa schimmerte. Es fühlte sich an, als sei er in ein riesiges, kuschelweiches Federbett gefallen. Die Wolke quietschte, als er mit einem Stoß auf ihr landete, kicherte ein bisschen und schwieg dann. Kai versuchte vorsichtig, sich an den Rand der Wolke vorzutasten. Tief unter sich hörte er ein leises Klappern und robbte sich näher an den Rand heran. Sollte das sein Pferdchen sein? Vorsichtig blickte er nach unten. Ihm wurde ganz schwindelig. Tief unter ihm, viele Kilometer weiter unten auf der Erde schimmerten Mohnblumenfelder in der Morgensonne. Die roten Blüten reichten bis zum Horizont.
Auf der anderen Seite lagen endlose Sonnenblumenfelder, die ihre leuchtenden, gelben Köpfe erwartungsvoll der Sonne entgegenstreckten.
Plötzlich hörte er ein Wiehern und lehnte sich vorsichtig noch ein Stück weiter vor. Da war es! Auf dem Weg, der zwischen den Blumenfeldern lag, galoppierte sein kleines blaues Pferd entlang. Die goldenen Sterne in seiner Mähne und seinem Schweif blinkten, während es mit hoch erhobenem Kopf davonlief und ängstlich wieherte.
"Pferdchen", rief Kai, so laut er konnte, "hier bin ich, hier oben."
Doch das Pferdchen hörte nur das Klappern seiner eigenen Hufe. Es wäre auch nicht auf die Idee gekommen, Kai über den Wolken zu suchen.
"Mein Pferdchen", rief Kai noch lauter, "warte auf mich. Ich muss dir etwas wichtiges sagen."
Doch auf der Erde hörte sich sein Rufen nur an wie ein leiser Windhauch. Sein Pferdchen konnte ihn nicht hören und galoppierte weiter. Bald war es nur noch ein winziger blauer Punkt in einem Meer aus scharlachroten und quietschgelben Blumen.
Eine völlig aufgelöste Wolke
Es wurde ganz still und die Wolke, die im Abendlicht rot leuchtete wie eine Hibiskusblüte, seufzte.
"Schau nur, wie die Sonne untergeht", sagte sie. "Das macht mich immer ganz sentimental. Weißt du, eine Wolke weiß nie, wohin der Wind sie treibt. Sie weiß nie, wie viel Zeit ihr noch bleibt."
"Wie meinst du das?" wollte Kai wissen.
"Eine Wolke weiß nie, wie lange sie existiert. Vielleicht reist sie zwei Wochen durch die Welt und sieht viele Länder. Vielleicht hat sie nur einen Tag und die Sonne löscht für immer ihre Spuren aus." Sie seufzte. "Vielleicht löse ich mich schon morgen früh auf."
"Oh nein", erschrak Kai, "das wäre furchtbar. Was wird dann aus mir? Was wird aus meinem Pferdchen? Du wolltest mir doch helfen, mein Pferdchen zu finden!"
"Typisch Mensch", sagte die Wolke gekränkt. "Du denkst nur an dich. Dass ich sterben werde, ist dir vollkommen egal."
"Nein... natürlich nicht", sagte Kai. Und fügte leise hinzu: "Aber dann werde ich auch sterben."
"Ach," sagte die Wolke, "wie romantisch. Dann sterben wir zusammen."
"Hey", rief Kai, "das ist nicht romantisch!" Er musste die Wolke wachrütteln. "Denk' dir etwas aus, ich will nicht sterben! Lass' dir etwas einfallen!"
"Was regst du dich so auf", sagte die Wolke schläfrig. "Das ist der Lauf der Dinge. Wenn die Sonne aufgeht, werde ich mich in tausend Tautropfen auflösen und langsam auf die Felder herabrieseln. Du siehst ja, ich bin schon viel kleiner geworden."
Kai sah sich die Wolke genauer an. Er bemerkte, dass sie auf eine kleine Fläche zusammengeschrumpft war. Er konnte sich nicht einmal mehr auf ihr ausstrecken.
Die Wolke war schon fast eingeschlafen.
"Es war schön, mit jemandem darüber zu sprechen", murmelte sie leise und schlief ein.